Schmidts F1-Blog: Lasst Ferrari leben!

Die Szenen waren herzzerreißend. Zwei Mal wurde bei Ferrari in der Startaufstellung hektisch geschraubt. Zwei Mal kam die Motorabdeckung runter, zwei Mal blickten wir in ratlose und panische Gesichter, zwei Mal konnten wir bis tief in das Innerste des Ferrari SF70H sehen, und zwei Mal war alle Mühe umsonst. Die Probleme im Umfeld des Antriebs ließen sich in 15 Minuten nicht lösen. Aller Wahrscheinlichkeit nach hat Sebastian Vettel die Weltmeisterschaft auf dem Asien-Trip verloren. Er holte 12, Lewis Hamilton 68 Punkte.

Jetzt muss sich Ferrari die Prügel abholen. Dem Herausforderer wird Schlampigkeit vorgeworfen, es mit der Entwicklung übertrieben zu haben, im entscheidenden Moment der WM eingeknickt zu sein. Alles Unsinn, sage ich. Das Drama hätte genauso gut Mitte der Saison passieren können. Oder gar nicht.

Mercedes hatte am Sonntag von Suzuka das unverschämte Glück, dass ein Zündkerzen-Defekt am Motor von Lewis Hamilton am Morgen beim Anlassen des Motors entdeckt wurde. Es hätte ihn genauso gut vier Stunden später treffen können. Mit den gleichen Folgen wie für Vettel. Mercedes behauptet, man hätte einen Kerzenwechsel in 15 Minuten geschafft. Mag sein. Doch das wollen wir erst einmal sehen.

Ferrari mit Technik-Pech

Und wenn es so ist, dann weil der Einbau des Antriebs nicht so kompakt ist wie beim Ferrari. Die Mercedes-Motorenleute waren angesichts der Fotos des offenen Hecks vom gegnerischen Auto beeindruckt, auf welch kleinem Raum der Ferrari V6-Turbo und seine Nebenaggregate verpackt sind. Das erlaubt es dem Ferrari im unteren Bereich des Hecks noch schlanker zu bauen. Das bringt Abtrieb und Rundenzeit, schränkt aber die Servicefreundlichkeit ein. Einen Tod muss man in der Formel 1 immer sterben.

Zündkerzen sind heute Hightech-Komponenten. Wie alles an diesen Herz-Lungenmaschinen, bei denen man vor lauter Kabeln, Leitungen, Elektronikboxen, Hitzeschilden und Abdeckplatten den Motor gar nicht mehr sieht. Wenn Sergio Marchionne von einem 59 Euro Artikel spricht, dann ist er von seinem Team offenbar nicht richtig informiert worden. Vielleicht hat er im Internet gegoogelt und dort entdeckt, dass man Kerzen für Vorkammerzündung relativ günstig kaufen kann.

In der Formel 1 oder der WEC sind es Spezialanfertigungen. Es ist zum Beispiel eine Sisyphusarbeit, den Fingerhut so stabil und filigran zugleich mit der Masseelektrode zu befestigen, dass er bei den hohen Verbrennungsdrücken hält. Porsche hatte im Vorfeld zu den 24 Stunden von Le Mans zwei Mal Ärger mit den Kerzen. Es ist also ein allgemein bekanntes Problem. In den Kerzen steckt viel Eigenentwicklung, auch wenn sie wie im Fall von Ferrari bei NGK in Japan gefertigt werden.

Kimi Räikkönen - Ferrari - Formel 1 - GP Malaysia - Sepang - 30. September 2017 Foto: Wilhelm

Der Ferrari baut im Heck extrem kompakt. Servicefreundlich ist das italienische Auto nicht.

Bei den Luftsammlern aus Karbon ist Ferrari offenbar eine schlechten Charge aufgesessen. Auch das kann passieren. Es hat nichts damit zu tun, dass Ferrari für die letzte Motorspezifikation mehr Risiko gegangen wäre. Die neue Airbox-Konfiguration wurde eigentlich für die 3er Motoren entwickelt, weil es bei diesen Probleme mit der Kühlung gegeben hatte. Vom 4er Motor hören wir, dass er kaum mehr Leistung hat als sein Vorgänger. Der Ladedruck ist mit 4,5 bar der gleiche.

Defekte sind die Regel, nicht die Ausnahme

Defekte passieren im Motorsport. Gottseidank. Es sind eher zu wenig als zu viel. Früher waren sie ein Spannungsmoment, das diesem Sport ein Alleinstellungsmerkmal gab. Man konnte nie sagen, ob die Fahrer ins Ziel kommen. Die Anfälligkeit der Technik sorgte für Dramen, die Schlagzeilen machten. Heute sind Formel 1-Autos in der Regel so zuverlässig wie Straßenautos.

Bis zum 14. Rennen in Singapur, hatte das Werksteam von Ferrari einen Turboladerschaden zu beklagen, und das in einem freien Training. Bei Vettel musste zwar in Barcelona, Baku und Sepang vor der Qualifikation wegen Hydraulikaussetzern oder Fehlzündungen unplanmäßig der Motor getauscht werden, doch alle Triebwerke haben überlebt.

Der Teufel steckte in der Peripherie. Und schon vergessen wurde, dass Mercedes in diesem Jahr bereits drei Mal unplanmäßig das Getriebe getauscht hat? Mit Startplatzstrafen. Die Getriebe sind ohne einen Unfall kaputtgegangen.

Wer trotzdem noch glaubt, Defekte seien unverzeihlich, sollte sich unsere Fotos vom offenen Ferrari-Heck in der Galerie noch einmal genau anschauen. Das ist ein Raumschiff und kein Rennauto. Es ist ein reines Wunder, dass nicht noch mehr kaputtgeht.

Die Mechaniker haben beim Zusammenbau der Ungetüme gefühlt eine Million Möglichkeiten einen Fehler zu machen. Sie arbeiten aber mit einer Quote von 98 Prozent fehlerlos. Da ist es eher normal, dass man wie Renault sechs oder wie Honda 10 Motoren für 20 Rennen braucht. Also, liebe Leute: Lasst Ferrari leben. Sie haben Mercedes immerhin bis jetzt ein tolles Duell geliefert.

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