Wer fährt für Toro Rosso: Keine Fahrer auf dem Markt

Renault braucht den 5. Platz in der Konstrukteurs-WM. Den hatte man Konzernchef Carlos Ghosn versprochen. Doch Renault liegt bereits 24 Punkte hinter Williams und ist mit einer weiteren Nullrunde in Japan auf Rang 8 abgerutscht. Mit Nico Hülkenberg allein ist diese Aufgabe nicht zu stemmen. Und in Jolyon Palmer hatten die Franzosen schon längst das Vertrauen verloren.

In Suzuka wurde der Druck auf den Engländer so groß, dass er aufgab. Es machte aus seiner Sicht keinen Sinn mehr für ein Team zu fahren, dem er nur im Weg steht. Die frühzeitige Trennung wird Renault eine Millionensumme kosten. Aber nur so bekommt man Carlos Sainz, der nun zusammen mit Nico Hülkenberg die Punkte einfahren soll, die fehlen um Williams, Toro Rosso und HaasF1 noch abzufangen. Es war Eile geboten. Toro Rosso bat sich eine Vorwarnung von 10 Tagen aus.

Fehler in der Pressemitteilung

Toro Rosso meldete vorschnell die Fahrerpaarung Kvyat/Gasly für den GP USA in 14 Tagen. „Das war ein Fehler“, gab Motorsportchef Helmut Marko zu. Nur einen Tag später machte Red Bulls Juniorteam einen Rückzieher. „Unser neuer Motorenpartner Honda wünscht sich, dass Gasly für sie in der Super Formula am gleichen Wochenende um den Titel fährt. Diesen Wunsch können wir ihnen schlecht absprechen“, erklärt Marko den Gewissenskonflikt.

Sebastian Buemi - Formel E - 2017 Foto: Formel E

Kommt Formel E-Champion Sebastien Buemi in die Formel 1 zurück?

Toro Rosso hat eigentlich das gleiche Ziel wie Renault, doch der Rennstall ist im Moment ein Spielball höherer Mächte. Und da spielt dann auch die Ehe mit Honda hinein. Deshalb geht es im Moment ein bisschen drunter und drüber. Daniil Kvyat raus, Kvyat wieder rein. Pierre Gasly rein, jetzt Gasly für ein Rennen wieder raus.

Doch wer ersetzt nun den Ersatz vom Ersatz? Es gibt kaum Formel 1-taugliche Fahrer auf dem Markt. Deshalb wurden im Fahrerlager tausend Namen gehandelt, die keiner bestätigen wollte. Wir bieten mal eine Auswahl ohne Anspruch auf Vollständigkeit an: Indy 500-Sieger Takuma Sato, Robert Kubica, Sebastien Buemi, Sergey Sirotkin, IndyCar-Meister Josef Newgarden, Charles Leclerc, Antonio Giovinazzi, Paul di Resta. „Zerbrecht euch nicht die Köpfe“, winkte Marko ab. „bis Dienstag wissen wir, wer im zweiten Toro osso sitzt.“

Red Bull hat nur noch Buemi im Kader

Das Dilemma von Toro Rosso ist auch ein Problem der Formel 1. Es gibt zu wenig Fahrer mit einer Superlizenz, mit Erfahrung in den 2017er Autos oder mit Simulator-Kenntnissen. Red Bull hat aus den eigenen Reihen keine Alternativen zu Kvyat und Gasly. Außer Buemi, der bis 2012 für Toro Rosso gefahren, und immer noch im Kader ist. Der Schweizer fährt inzwischen in der WEC für Toyota und in der Formel E für Renault. Die nächsten Hoffnungsträger für Red Bull sind das Meister-Trio der Kart-EM. „Das dauert noch, bis die Formel 1-Reife haben“, lächelt Marko.

Für eine Superlizenz braucht ein Fahrer 300 Kilometer in einem relevanten Formel 1-Auto der Jahre 2014, 2015, 2016 oder 2017 und 40 Punkte, die er sich in den Nachwuchsserien erwerben muss. Das gilt zwar für viele Piloten, doch die fahren zumeist in der WEC, der IndyCar-Serie oder der Formel E, sind also nur bedingt brauchbar. Buemi führt die Liste mit 180 Punkten an. Wer ein Freitagstraining fahren will muss ebenfalls diese 300 Kilometer Fahrpraxis und neuerdings mindestens sechs Formel 2-Rennen nachweisen.

Marko schimpft auf das System: „Der Marsch durch die Pyramide kostet zu viel Geld. Für eine Kart-Saison werden bereits 250 000 Euro ausgeben, für ein Jahr Formel 2 sind es 1,7 Millionen. Da bleiben viele Talente hängen und am Ende nur noch die Söhne reicher Eltern übrig.“

Rosberg rät Kubica von Einmal-Einsatz ab

Es war schon bezeichnend, dass Williams beim GP Ungarn den TV-Experten Paul di Resta wiederbeleben musste, um den Platz des erkrankten Felipe Massa zu füllen. Und dass Robert Kubica über sechs Jahre nach seinem fürchterlichen Rallye-Unfall plötzlich wieder ein begehrter Mann ist. Sein neuer Manager Nico Rosberg rät aber von einem Einmal-Einsatz im Toro Rosso ab. „Wenn du ohne Test in einem fremden Auto so ins kalte Wasser geworfen wirst, kannst du nur verlieren. Das würde nicht einmal ich machen wollen. Da verfolgen wir lieber die Williams-Spur.“

Bei Kubica gibt es auch ein Problem mit der Versicherung. Der 32-jährige Pole müsste die ausbezahlte Berufsunfähigkeitsversicherung zurückerstatten, wenn er wieder Formel 1-Rennen fährt. Egal, wie viele es wären. Das Risiko wird der Montreal-Sieger von 2008 nur dann eingehen, wenn er sich sicher sein kann, dass er mindestens eine Saison fährt.

Toro Rosso braucht nicht nur für Austin zwei Fahrer. Auch für 2018 steht die Paarung noch nicht fest. Sergey Sirotkin reichte in Malaysia schon einmal seinen Lebenslauf ein. „Sergey verdient einen Formel 1-Einsatz. Er ist schnell und arbeitet hart“, macht Nico Hülkenberg Werbung für den Russen.

Buemi hat für zwei weitere Jahre bei Renault in der Formel E unterschrieben. Außerdem fährt er für Toyota in der Langstrecken-WM. „Selbst wenn Toyota aus der Serie aussteigt, wäre Buemi im nächsten Jahr schwer an Honda vermittelbar. Da ist das Konkurrenzdenken unter den japanischen Firmen doch zu groß“, bedauert Marko. Im Moment gäbe es keinen Interessenskonflikt. Buemi ist Renault-Fahrer, und ToroRosso fährt mit Renault-Motoren. Er sitzt für Red Bull ständig im Simulator und hat bei den Reifentests für Pirelli den aktuellen Red Bull RB13 gefahren.

Hat am Ende Liberty Media Interesse, das Cockpit beim GP USA an eine in Amerika bekannte Größe zu vergeben? Wenn überhaupt, ließe es sich nur schwer durchsetzen. Die IndyCar-Fahrer scheiden schon allein deshalb aus, weil sie noch nie in einem aktuellen Formel 1-Auto gefahren sind. Dabei hätte Josef Newgarden wenigstens die 40 Punkte für die Superlizenz. Aber wie soll er in den nächsten Tagen 300 Kilometer in einem Formel 1-Auto abspulen? Sato kommt auch kaum in Frage. Hondas Indy 500-Held ist bereits zu lange aus dem Formel 1-Geschäft.

Kommentar verfassen