F1-Technik-Analyse Mittelfeld: Renault entwickelt am schnellsten

Die Formel 1 ist eine Zweiklassengesellschaft. Das ist nichts Neues, werden Sie sagen. Stimmt, doch in diesem Jahr ist der Klassenunterschied so groß wie lange nicht mehr. Woran man das merkt? Nur ein Mal schaffte es einer aus dem Mittelfeld auf das Podium. Und Lance Strolls dritter Platz in Baku war hauptsächlich das Resultat glücklicher Umstände. Vier der sechs Fahrer aus den Top-Teams strauchelten.

Noch deutlicher zeigt sich der Abstand zwischen der Spitze und den Verfolgern bei den Führungskilometern. Bis jetzt haben nur die Piloten von Mercedes, Ferrari und Red Bull Führungsrunden gesammelt. Das ist ein klarer Hinweis für die Überlegenheit der drei großen Teams.

Die Lücke zwischen ihnen und dem Mittelfeld ist bis zum ersten Boxenstopp schon so groß, dass sie nach ihrem Reifenwechsel vor den Fahrern von Force India, Williams, Renault, Toro Rosso, HaasF1 und McLaren wieder auf die Strecke gehen, selbst wenn die einen langen ersten Stint auf die Bahn legen.

Startplatz 7 ist die Pole Position

Der Kampf um Platz 4 im Konstrukteurspokal ist ein Rennen für sich. Für die 6 Teams im Mittelfeld ist der 7. Startplatz die Pole Position und der 7. Gesamtrang der Sieg. Weiter vor geht es nur, wenn einer aus dem Kreis der großen Drei eine Startplatzstrafe bekommt oder im Rennen durch Unfall oder Defekt zurückgeworfen wird.

Die Lage beim Mittelstand ist unübersichtlich. Im Prinzip gilt das gleiche wie für die Spitze. Die Rennstrecke bestimmt, wer gut und wer schlecht ist. Doch während sich Mercedes, Ferrari und Red Bull beim Wettrüsten nahezu neutralisieren, kommt es im Feld dahinter zu Bewegungen, die durchaus vom Erfolg der Upgrades abhängig sind.

Fernando Alonso - McLaren - Formel 1 - GP England - 15. Juli 2017 Foto: sutton-images.com

Bei Strecken, auf denen Motorleistung gefragt ist, fällt McLaren immer zurück.

Der Einfluss der Streckencharakteristik ist in einigen Fällen einfach zu deuten. McLaren zum Beispiel hat auf den Strecken wenig Chancen, auf denen viel Volllast gefahren wird. Dafür sind sie auf Layouts mit maximalem Abtrieb wie Monte Carlo und Budapest vorne dabei. Auch in Shanghai und Silverstone wären Punkte möglich gewesen, hätten nicht der Defektteufel zugeschlagen oder Startplatzstrafen die McLaren in die letzte Reihe verbannt.

Force India ist überall dort gut, wo Mercedes stark ist. Auf Strecken, auf denen der beste Kompromiss zwischen Abtrieb und Top-Speed zählt. Verwundert das? Nicht wirklich. Ein Teil der DNA des Mercedes steckt auch in dem Mercedes-Kundenauto. Das extremlange Getriebegehäuse zwang auch Force India zu einem langen Auto, dem zweitlängsten im Feld. Und auch bei den Aerodynamikdetails orientieren sich die Männer um Technikchef Andy Green lieber an Mercedes als an Ferrari. Der Unterschied zu Mercedes: Force India fährt nach McLaren mit dem zweitgrößten Anstellwinkel.

Der Toro Rosso mag wie der McLaren Strecken, auf denen maximaler Anpressdruck gefordert. Ist. Der STR12 hat in seinen Genen viel Abtrieb. Er ist aber ineffizient. Und er ist eines der kürzesten Autos im Feld. Gut für enge Rennstrecken und schnelle Richtungsänderungen. Dafür leidet Red Bulls B-Team auf schnellen Strecken.

Williams-Entwicklung stockt

Bei Williams und Renault gibt es einen klaren Trend, und der ist unabhängig von der Rennstrecke. Die eine Formkurve zeigt steil nach unten, die andere nach oben. Williams legte furios los, war zu Beginn des Jahres meistens das schnellste Team aus dem Mittelstand. Doch nach Baku folgte ein Bruch. Seit das große Aero-Upgrade und vermutlich noch ein paar mechanische Entwicklungen ans Auto kamen, geht gar nichts mehr. Williams rutschte ans Ende seines Reviers.

Umgekehrte Verhältnisse bei Renault. Auf eine Runde war das gelbschwarze Auto schon immer schnell, doch es fehlte an Konstanz. Die Aerodynamik war so spitz ausgelegt, dass es zu Abtriebsschwankungen kam. Auf eine Runde haben frische Reifen und Nico Hülkenberg im Cockpit das Problem überdeckt. Über die Distanz fraß der Renault R.S.17 seine Reifen.

Nico Hülkenberg - Renault - GP Aserbaidschan 2017 - Qualifying - Baku - Samstag - 24.6.2017 Foto: xpb

Renault hat im Laufe der ersten Saisonhälfte den größten Fortschritt gemacht.

Die jüngsten Ausbaustufen, vor allem der neue Unterboden, haben das Problem gelöst. In Silverstone und Budapest war der Renault das schnellste Auto hinter den Top 3. Auf zwei völlig unterschiedlichen Strecken. Hülkenberg bilanzierte zufrieden: „Da zeichnet sich ein Trend ab. Die Ausbaustufen treffen ins Schwarze. Das Auto ist jetzt konstanter in allen Kurvenphasen und berechenbarer. Es zwingt mir nicht mehr den Fahrstil auf. Ich kann jetzt mit dem Auto so fahren, wie ich es gerne hätte.“

Mit dem Entwicklungstempo des Werksrennstalls können Force India, Williams, Toro Rosso und HaasF1 nicht mehr mithalten. Höchstens noch McLaren. Doch da ist man von Honda abhängig. Wenn die Japaner für die letzten fünf Rennen die Power finden, die sie von ihrer nächsten Ausbaustufe erwarten, dann ist McLaren klar die Nummer 4 im Feld.

Trotz des Aufwärtstrends wird es für Renault und McLaren nicht mehr reichen, Force India abzufangen. Der WM-Vierte hat den besten Allrounder, die beste Zuverlässigkeit und die beste Fahrerpaarung. Das Auto nirgendwo so richtig schlecht. Selbst auf Strecken wie dem Hungaroring, die dem VJM10 nicht so liegen, holen Sergio Perez und Esteban Ocon noch 6 WM-Punkte.

Der HaasF1 ist die große Unbekannte in dieser Gruppe. Das US-Auto passt in kein Schema und zeigt alle Extreme. Top in Spielberg, chancenlos am Hungaroring. Prinzipiell ist das Auto in Ordnung, aber die Ingenieure und Fahrer treffen seltener das Reifenfenster als die direkte Konkurrenz. Renault, McLaren und Force sind in der Disziplin am besten. Toro Rosso, Williams und HaasF1 haben die Pirelli-Reifen noch nicht vollständig entschlüsselt.

Rennstrecken-Charakteristik

Strecke Abtriebslevel Kurvenspeed Temperatur** % Vollgas Top (MF)
Monte Carlo 10 11 langs. / 4 schnell 27°C / 52°C 53% Toro Rosso
Budapest 10 7 langs. / 5 schnell 31°C / 55°C 64% McLaren
Barcelona 9 8 langs. / 5 schnell 25°C / 46°C 67% Force India
Melbourne 8 7 langs. / 6 schnell 25°C / 37°C 75% Williams
Silverstone 8 5 langs. / 12 schnell 22°C / 33°C 74% Renault
Shanghai 7 7 langs. / 8 schnell 12°C / 15°C 68% Toro Rosso
Bahrain 7 7 langs. / 5 schnell 27°C / 32°C 70% Williams
Spielberg 7 3 langs. / 5 schnell 29°C / 49°C 73% HaasF1
Sotschi 6 10 langs. / 3 schnell 26°C / 42°C 74% Force India
Montreal 5 9 langs. / 2 schnell 29°C / 45°C 71% Force India
Baku 4 11 langs. / 4 schnell 28°C / 55°C 66% Force India
* </> 150 km/h
** Luft / Asphalt

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